Männer rülpsen gerne. Das hat in letzter Zeit abgenommen und nimmt auch mit dem Alter ab und eigentlich denken so nur die Frauen, weil Männer sich in einer Frauen Gegenwart so gut wie möglich benehmen wollen. Sie kratzen sich dann zwar noch offensichtlich am Hintern, schmatzen beim Essen und reden über den Sex mit ihrer Exfreundin in allen Einzelheiten, aber sie rülpsen nicht mehr, pupsen nicht mehr und treten nicht mehr unkontrolliert gegen den Tisch. Wenn Männer unter sich sind, würden sie sogar Tauben roh essen, wenn sie nicht schon gerade beide Hände voll mit jeweils vier Bierkrügen hätten.
Aber Rülpsen, Pupsen und Taubenessen (alternativ Meisenmampfen) sind ja auch wahrliche Hardcore-Manier-Fehlschläge. Die wird man einem Mann vermutlich nie ausprügeln können. Es sei denn in der Zukunft wird eine Röntgenbrille geschaffen, die man jedem Mann anbietet, der sich von da an zu benehmen versucht. Dieser Mann würde mit dieser Röntgenbrille immer unter die Motorhaube sehen, ohne sie aufmachen zu müssen. Er würde in den Kühlschrank gucken, ohne ihn öffnen zu müssen, und sofort wissen, wenn Eier fehlen. Und er würde natürlich durch die Wände der Frauenumkleide schauen. Männer sind auch nicht gewillt, Sachen zu teilen. Sie pinkeln ja nicht umsonst absichtlich auf die Klobrille, um sie als ihre zu markieren. Deshalb würde nie im Leben ein einziger Mann sich zu benehmen versuchen und die Röntgenbrille an andere verleihen. Heißt: Es ist garantiert, dass sehr viele Männer sich bessern würden. Doch bis dahin dauert es, wie gesagt, eine Ewigkeit.
Aber es gibt etwas, das so ziemlich jeder Mann bereits drauf hat und woran er sich hält: Die Begrüßung. Und das ist bewundernswert, denn das ganze System der Begrüßung ist gar nicht so einfach. Es klingt natürlich sehr einfach. Hausputzen klingt ja auch einfach. Genauso wie Wäsche waschen oder Geschirr spülen. Und doch sind haufenweise Häuser und Wohnungen (von Single-Männern bewohnt oder im Falle von Frau-nimmt-Urlaub) hässlicher als Emil (und verdammt, Emil ist sehr hässlich). Und trotzdem gibt es Menschen, die mit völlig dreckiger Kleidung rumlaufen (man kann sie heute ja sogar schon so erwerben) und auch wird ständig neues Geschirr gekauft, weil ratlose Leute lieber dreckige Teller (nach zehntem Mal in Nutzung) wegwerfen, anstatt sie zu säubern.
Die Schwierigkeiten der Begrüßung fangen schon dabei an, die richtige Art der Begrüßung zu wählen. So hängt die Begrüßung von der Tageszeit und der Beziehung zu der zu begrüßenden Person ab. Krümmelkacker mögen nun einwerfen, dass es außerdem auch vom Zeitalter und der Sprache abhängt. Aber Sprache können wir getrost in die Tonne kloppen, weil wir, die uns ständig über dieses Land und seine Führer beschweren, es ja eh nie verlassen würden – es sei denn uns folgt ein Kamerateam, das uns (natürlich unabsichtlich) vor den Zuschauern in genau diesem Land bloßstellen würde, weil wir nichtmal die Begrüßungssitten der neuen Heimat kennen (in den USA schenkt man sich zum Beispiel BigMacs). Und auch das ganze mit dem Zeitalter können wir ruhen lassen, weil Zeitreisen nicht möglich sind und so gewiss keiner in der Steinzeit seine Freunde mit »Ugg« oder im Mittelalter seinen König mit »Hoch wohl gelobt seien Ihre Majestät heute und gleich so auch Ihrer Majestäten Königin« begrüßen müssen wird.
Wenn man den zu Begrüßenden schon kennt, ist das ganze einfach. Zumindest bei normalen Menschen. Dann gibt man ein »Hallo« und einen Handschlag. Der Handschlag darf auch ruhig schwach sein, allerdings kriegt man dann ein »Na, Tobi, immernoch weich?« Es sei denn natürlich man heißt gar nicht Tobi, Tobias oder sonst wie in der Art; dann kriegt man vermutlich einen anderen Spruch gesagt, der einen sich wie einen Loser vorkommen lässt und dafür sorgt, dass man zu Hause an einer Ketchupflasche oder einer Toilettenpapierrolle den festen Handschlag übt. Manchmal lässt man den Handschlag bei Begrüßungen auch ganz aus und macht stattdessen nur ein Nicken. Oder man sagt nichtmal was und macht nur ein Nicken. Oder man winkt übertrieben, um zu zeigen, dass man nicht nur begrüßen möchte, sondern auch ein total aufgespielter Typ oder ein aufgespieltes Mädel ist, mit dem man total viel Spaß haben kann. Auf jeden Fall ist es immer die gleiche Art der Begrüßung. Man muss nichts variieren und kann einfach sagen: »Das ist so mein Stil.« Wenn man morgens übertrieben winkt und abends einfach nur nickt, dächten die anderen vermutlich, dass man sich innerhalb weniger Stunden von morgens bis abends ausgepowert hat und sicher nicht mehr fit für die anstehende Party ist. Wenn man morgens »Hi ho« sagt und abends »Hallöle«, dann denken die anderen nur darüber nach, welche die nächste Begrüßung sein wird, anstatt sich darüber zu freuen! Man sollte also bei einem Spruch und einer Geste bleiben.
Soviel zu Begrüßungen bei normalen Freunden. Es ist unmöglich in weniger als einem ganzen Buch zu schreiben, wie das bei all diesen verrückten Leuten mit ihrer weiten Kleidung und der beatlastigen Musik voller Stottereien und sinnloser Texte ist. Da gibt es unendlich viele Handklatscher und Hinternriecher und Bussys zu merken. Eine Begrüßung bei solchen Leuten kann bis zu fünf Minuten dauern. Der Rekord steht bei 59 Minuten. Es geht allerdings durchaus länger, doch kein Weltrekordprüfer möchte sich über eine Stunde lang sowas antun.
Wenn man unbekannte oder sonstige Nicht-Freunde begrüßt, muss man immer einen anderen Spruch haben, abhängig von der Tageszeit. Das wäre morgens »Guten Morgen«, mittags »Guten Mittag« und abends »Guten Abend«. Früher funktionierte das auch mit »schön« anstelle von »gut«, doch mittlerweile verabschiedet man sich ja schon ganz höflich mit zum Beispiel »Tschüss, schönen Abend noch« und in einer Welt, wo alles abgekürzt wird (zum Beispiel sagt man heute nicht mehr »pass auf«, sondern »pass«; manche wissen das natürlich nicht und es kommt zu Unfällen, in denen Leute von Pianos plattgemacht wurden), wird auch manchmal das »noch« weggelassen. Ich habe vergessen, worauf ich hinaus wollte, Sie vermutlich auch, deshalb führe ich den Gedanken nicht zu ende. Sie werden es mir verzeihen oder sicherlich nichtmal bemerken.
Wenn man zu Leuten wie Kassierern oder Postboten oder Prostituierten spricht, muss man sich nicht einmal die Hand geben. Der Kassierer oder die Kassiererin muss nämlich die Hände an der Kasse und zugleich an der Ware haben, die über das Strichcodelesegerät geführt zu werden hat. Der Postbote hat gerade unheimlich viel Briefe in der Hand und kann sie ja schlecht ablegen (zum Beispiel in sowas wie Briefkästen) und hat deshalb nie die Hand frei; er muss außerdem die andere Hand in der Hosentasche haben, wo sich sein Hundeabwehrgerät befindet. Und zur Prostituierten... wer möchte so einer Frau schon gerne die Hand geben...?
Sonst ist aber ein Handgeben von Nöten. Sonst wirkt man als unfreundlich oder gar wie ein Mensch, der vor hat, die ganze Erde zu zerstören. Fragen Sie mal die Leute, die wegen versuchter Erdzerstörung im Gefängnis sitzen, ob sie jemals Hände mit anderen geschüttelt haben – man erhält von keinem einzigen ein »Ja.«
Nun, wo dies alles klar ist, muss man sich noch über das Timing bewusst sein. Jemand, der höflich ist, ist nicht unbedingt nett. Er hat lediglich seine Hausaufgaben gemacht. Das ist wie in der Schule. Die Leute, die ihre Hausaufgaben gemacht haben und in Vokabeltests ihre Einsen schreiben, haben zwar ihre Hausaufgaben gemacht und in Vokabeltests ihre Einsen geschrieben, aber sie sind tatsächlich dumm wie Dinosaurier (Dinosaurier hätten schließlich überlebt, wenn sie sich nur ein Spaceshuttle gebaut hätten). Man lernt so ein paar Sachen auswendig und kann sie trotzdem nicht in unbekannten Situationen anwenden. Genau das ist Höflichkeit. Man lernt so ein paar Sprüche und ein paar Gesten und grüßt die Dame zwar in Zukunft höflich und schiebt ihr höflich den Stuhl zurück, wenn sie sich setzen möchte, und lehnt beim ersten Date höflich ab, gleich mit rauf zu kommen, doch in Wirklichkeit wollen genau diese Kandidaten diese Dame richtig hart durchnehmen und richtig übel verlassen, wenn sie nach drei Malen schließlich langweilig ist.
Höflichkeit ist nur so eine Sache. Und genau wie bei Vokabeltests und Hausaufgaben sollte man danach streben, der Beste zu sein – im Falle der Begrüßung der Erste. Stellen Sie sich das so vor: Sie gehen in Ihrem Treppenhaus die Treppe runter, wo sie auf irgendsoeinen nervigen Prospektverteiler treffen. Sie könnten ihm natürlich sagen, dass Sie sich nicht für Ikea-Möbel interessieren und wenn Sie es doch täten, sich im Internet erkundigen würden, Sie haben ja schließlich über einen Prospekt ein gutes Internetanbieter-Angebot gefunden. Aber Sie halten dann doch lieber die Klappe. Er hält seine nicht, sondern wirft Prospekte in Ihren Briefkasten und sagt scheinheilig »Guten Tag«. Sie haben es versaut. Er gilt nun nämlich als der netteste Mensch der Welt und wenn Sie nun zurück grüßen, wirkt es so, als grüßen Sie nur, weil Sie herausgefordert wurden – was ja auch nicht unwahr ist. Grüßen Sie jedoch nicht, scheinen Sie wie der böse Mann, der Prospektverteiler hasst. Das sind so Sachen, über die sich die Menschen viel zu wenig Gedanken machen: Immer zuerst grüßen. Notfalls von oben runterbrüllen, bevor er Sie überhaupt sieht.
Aber nicht nur aus der Ferne sollte man brüllen. Wenn man nicht laut und deutlich »Guten Tag« oder sowas sagt, könnte man nicht verstanden werden. Mir ist tatsächlich mal passiert, dass ich jemandem einen Guten Morgen gewünscht habe und er mir auch einen Guten Morgen gewünscht hat und ich gerade gehen wollte, als er dann brüllte: »Ich habe ›Guten Morgen‹ gesagt!« Dieser Mann hat mich vorhin einfach nicht verstanden. Und am Abend hat er dann seiner Frau, seiner Freundin oder seiner Affäre gewiss erzählt, dass er irgendsoeinen bescheuerten Jugendlichen getroffen hat, der ums Verrecken kein »Guten Morgen« hervor brachte. Immer laut und deutlich sein!
Ich war einmal mit Freunden im Supermarkt. Während sie die Kassiererin lediglich mit »Hallo« grüßten, sagte ich freundlich »Guten Tag.« Ich glaube, sie hat mich deutlich netter angesehen als die anderen...