7.9.2010
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U-Bahn fahren
Wenn man in der Gruppe in der U-Bahn fährt, ist alles erlaubt. Man darf lachen, man darf kichern, man darf wie ein Wasserfall plappern, man darf sich gegenseitig anschauen (aber bloß nicht die Liebe gestehen, könnte vor all den anderen peinlich werden, wenn sie nicht erwidert wird), man darf andere Passagiere anschauen, man darf über andere Passagiere lachen - es ist alles erlaubt. Außer Vandalismus natürlich. Aber sonst ist alles erlaubt - sogar in einem Ohr ein In-Ear-Kopfhörer-Dings zu haben und mit dem anderen Ohr dem Gesprächspartner zu lauschen, der genauso nur mit einem Ohr zuhört und eventuell gelegentlich Textzeilen von Britney Spears ins Gespräch wirft, obwohl er eigentlich eine ernste Konversation über etwas Ernstes führt.
Fährt man mit mindestens einem oder einer anderen in der U-Bahn (gilt auch für S-Bahn, Straßenbahn und Geisterbahn), ist alles erlaubt. Ja, man darf auch weinen. Ist man alleine in der Bahn, doch führt ein Telefonat, gilt das auch (gerade dann darf man sogar durch den ganzen Zug brüllen und sich rüpelhaft benehmen).
Nun stell dir aber vor, du bist ein echt cooler Gangster und sitzt mit deinem echt coolen Gangster-Kumpel (Homie) in der U-Bahn und starrst die hübschen Frauen an.
»Jo, die hat voll die geilen Beine!«, sagst du und nickst langsam und wie bescheuert, obwohl diese Frau eine Jeans trägt und womöglich einen wirklich furchtbar hässlichen Ausschlag haben kann.
Dein Homie guckt dich an wie ein Auto (echt coole Gangster gucken zugegeben immer wie Autos, doch diesmal hat er einen Auto-Auto-Blick): »Ey, du starrst auf die Beine? Zieh dir mal die Glocken rein!«
Ihr sprecht also noch ein klein wenig, aber sehr obszön über diese Frau - sehr laut, wohlgemerkt, sodass sie alles mithören kann - und irgendwann muss dein Homie aussteigen und du sitzt alleine da.
Der Platz neben dir ist jetzt frei, doch der wird bald wieder besetzt - ausgerechnet von der heißen Frau mit den geilen Beinen und den reinziehungswerten Glocken.
Plötzlich bist du still. Zugegeben, du hast ihr auch schon indirekt alles gesagt, was dir an ihr gefällt, aber mal ab davon, dass du nicht weißt, dass du viel zu laut und für sie hörbar gesprochen hast, wäre es doch trotzdem nett von dir, ihr ein Kompliment zu machen - sie sieht schließlich aus irgendeinem Grund ziemlich entnervt aus und ist sicher froh, mal etwas Schönes zu hören. Aber du schweigst.
Du sitzt in der U-Bahn neben der schönsten Frau der Welt und schweigst. Du starrst auf den Boden. Oder aus dem Fenster. Oder - wenn du ganz mutig bist - auf die Beine einer anderen hübschen Frau, denn du hast einen Beinfetisch.
Deine Sitznachbarin hingegen schweigt nicht. Sie legt dir ihre Hand aufs Bein und sagt: »So, du findest mich also toll?«
Ganz kurz zeigst du Verwunderung und Erstaunen - solltest du es tatsächlich geschafft haben? Hast du wirklich telepathische Kräfte? Hast du sie wirklich nur mit Kraft deiner Gedanken gesagt, was du von ihr hältst? Ganz kurz guckst du so verwundert, wie es einem Auto nur möglich ist, doch auch ganzschnell schaust du wieder auf den Boden, aus dem Fenster oder - gestärkt durch die Erfahrung über deine übernatürlichen Kräfte - auf die Beine einer anderen hübschen Frau. Und du schweigst.
Nun gut, das ist nur eine Vorstellung (für die mit zu viel Fantasie: Ihr könnt wieder aufwachen!), aber ich bin davon überzeugt, dass sie der Realität sehr nahe kommt. Auch wenn der, in den du dich eben hineinversetzen solltest, nicht etwa ein echt cooler Gangster wäre, der, wenn er alleine (ohne Homies) ist, eh immer schweigsam und friedlich ist, sondern ein seriöser Geschäftsmann (diese Typen mit Anzügen, Aktenkoffer und seriösen Blick).
Das einzig wirklich Wirklichkeitsferne an dieser Vorstellung ist die hübsche Frau. Zum einen hat sie entnervt geguckt (wegen des echt coolen Gangsters, wie aufmerksame oder fantasievolle Leser sicher bemerkt haben), zum anderen - und das ist wirklich abgehoben - hat sie dem echt coolen Gangster ihre Hand nicht nur aufs Bein gelegt, sondern auch etwas zu ihm gesagt!
Niemand, der nicht in einer Gruppe aus mindestens zwei in der U-Bahn ist, interagiert mit anderen. Außer Betrunkene, alte Menschen oder sonstwie welche vom Durchschnitt abweichende.
Wenn Leute völlig für sich alleine mit der U-Bahn (oder S-Bahn, Straßenbahn oder Geisterbahn) fahren, dann lesen sie entweder ein Buch, starren auf den Boden oder schauen aus dem Fenster (wo wirklich wenig zu sehen ist) oder betrachten die Werbung (die nach mindestens zwei Sekunden Betrachtung bereits einen Bart hat) oder lesen ein Buch. Die wenigsten gucken auch andere Menschen an, aber das ist ja wohl mehr als unfreundlich. Und man darf ja keine Emotionen zeigen. Wer lächelt, fällt heraus, und keiner möchte herausfallen…
So ist die U-Bahn ein wirklich unheimlicher, bedrückender Ort. Im Bus hat man wenigstens Abwechslung, weil man da auch etwas sieht, wenn man aus dem Fenster guckt!
Schlimmer ist es dagegen im Wartezimmer. Aus irgendeinem Grund schaffen es wahnsinnig viele Menschen, für ihre Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln Bücher mitzubringen. Oder die Zeitung. Oder Frauenmagazine (aber wer liest schon gerne vor allen anderen Passagieren über Diäten (= man fühlt sich fett), das Leben von Prominenten (= man hat kein eigenes Leben), Tipps für besseren Sex (= man hat schlechten Sex, und da man nur sie und nicht ihren Partner sieht, gibt mal gleich mal ihr die Schuld) oder sonst irgendwas in Frauenzeitschriften?).
Aber im Wartezimmer, wo sogar Zeitschriften rumliegen (meistens Frauenzeitschriften), liest kaum ein Schwein. Also starren alle nur auf den Boden und sagen nichts. Wenn man nicht schon wegen einer Krankheit dieses Zimmer betritt, dann verlässt man es anschließend ganz sicher nicht mehr gesund.

Man könnte nun meinen, ich schreibe das, um dazu aufzurufen, einfach mal wenigstens zu lächeln, wenn man in der U-Bahn fährt. Aber nein, ich schreibe das dafür:
Bitte, liebe echt coole Gangster, seid immer schweigsam und friedlich. Ob alleine oder in der Gruppe. Danke.