Normalerweise war John sehr glücklich. Vor zwei Jahren war John sehr unglücklich gewesen. Zwar hatte er eine liebevolle Frau und ein großes Haus in einer schönen Gegend und einen unglaublich gut bezahlten Job gehabt, aber zugleich hatte er eine langweilige Frau, ein langweiliges Haus und einen langweiligen Job. Das war dann auch der Grund gewesen, weshalb John mit dem Kleiderständer an seinem Arbeitsplatz den Ritter gespielt und sehr viel Einrichtung zerstört hatte. Zu Hause hatte er mit dem Lampenständer Ritter gespielt und viel Einrichtung zerstört. Und später beim Scheidungsanwalt hatte John nur dagesessen und davon geträumt, dass er ein wirkliches Schwert habe, um als Ritter die Scheidung von seiner Frau ein wenig zu beschleunigen.
Seit zwei Jahren hatte John nicht mehr auf solche Weise seine Aggression bewältigt. Und das hatte nicht daran gelegen, dass er nun weder Kleiderständer noch Lampenständer besaß, sondern daran, dass er tatsächlich glücklich in seinem nach Urin stinkenden Karton dicht am Bürgersteig war. Jeden Tag bekam John etwa fünf Euro und konnte sich damit Bier kaufen, das Essen klaute er sich.
Doch heute war ein sehr eigenartiger Tag, denn man hatte bereits 16 Uhr und kaum einer war an John vorbeigegangen und hatte ihm Geld gegeben. Kein einziger Mensch war auf der Straße. Kein einziger Cent war in der Schüssel. Und so fühlte der Obdachlose sich sehr einsam und die Schüssel fühlte sich sehr leer und der Karton hätte Gott gedankt, dass er, weil er kein Mensch war und keine Nase hatte, nicht den eigenen Gestank riechen konnte – wenn er ein Mensch wäre, der Gott hätte danken können.
Und endlich hatte John einen Grund zu hoffen. Und er hoffte.
Denn da vorne spazierte ein einzelner Mensch auf seiner Straßenseite und bald würde er an ihm vorbeigehen! Dieser Mensch hatte den Gang eines Glücklichen und die Kleidung eines Wohlverdienenden und den Blumenstrauß eines Mannes, der gerade einen Blumenstrauß gekauft hatte.
John hätte nicht so intensiv gehofft, wenn er wüsste, dass James wahrlich das Arschloch war, als das ihn all seine Mitmenschen beschrieben. Nur seine Frau liebte ihn – aus einem Grund, den keiner wusste oder glauben könnte, denn das Arschloch war kein Typ, den man ehrlich lieben konnte, wenn man so wunderbar wie diese Frau war. Und zu genau dieser Frau war James in seinem witzigen Gang (auf andere wirkte er wie der eines Glücklichen, doch tatsächlich lief James nur so, weil ihm in der sechsten Klasse unglücklich in die Kniekehle getreten wurde) auf dem Weg. James hasste den Arbeitsplatz seiner Frau – er war so voller Menschen, die weniger als Fünftausend im Monat verdienten – aber er wollte dem einzigen Menschen auf der Welt, der ihn liebte, eine Freude machen und aus irgendeinem Grund freute sich die Ehefrau tatsächlich immer über das Erscheinen ihres Mannes. Oder über die Rosen. Auf jeden Fall freute sie sich, und James wollte dieses glückliche Gesicht sehen, denn er hatte heute einen wichtigen Kunden verloren, weil dieser es irgendwie nicht für normal hielt, angebrüllt zu werden. Glückliche Gesichter sollten angeblich anstecken.
Und so lief James den Weg ab.
»Hey!«
James blieb stehen und drehte sich nach rechts und sah einen stinkenden Penner in einem stinkenden Karton.
»Hast du'nen Euro für einen alten Mann?«, sagte der vierunddreißigjährige John.
James wollte weitergehen, doch hielt ihn der Anblick seiner Frau davon ab.
Jenny kam fröhlich auf ihn zugerannt, so schnell wie ihre Absätze es zuließen, bis sie vor ihrem Mann stehen blieb.
»Hey, James, was machst du--«
Jenny sprach nicht weiter, denn James reichte ihr den Blumenstrauß, indem er ihr diesen leicht bis stark in den Bauch rammte. Er war nicht sehr romantisch.
»Für dich. Rosen.«, sagte er besonders leblos.
Jenny roch und war begeistert von ihrem romantischen Mann. »Die sind wunderschön! Du bist so wunderbar!« Sie roch weiter.
James genoss das glückliche Gesicht seiner Frau. Das tat er eine ganze Weile, bis sie wieder sprach.
»Du, ich habe da vorhin so ein schönes Kleid in einem ganz neuen Laden gesehen! Es hat...« Und während Jenny weiter davon sprach, wie das Kleid aussah und wie viel es kostete, und vor ihren Augen nur noch die Erinnerung an das Kleid sah, hörte James überhaupt nicht zu und suchte nach Geld in seinen Taschen und fand welches.
»Müsste reichen.«, unterbrach er seine Treuste schließlich und gab ihr einen Fünfhundert-Euro-Schein. Er hätte ihr auch Zehntausend gegeben, denn er hatte das Geld und außerdem wusste auch er nicht, wieso ihn eine Frau wie Jenny lieben sollte, und verdächtigte deshalb das Geld.
»Wie bitte?«, sprach wieder die Stimme von rechts.
Jenny bemerkte erst jetzt den armen Obdachlosen.
»Grün ist kacke! Keiner trägt mehr grün! Und für sowas gibst du dem Weibsstück fünfhundert Euro?!«
»Das ist ja wohl kaum Ihr Problem!«, sagte James nach einer kurzen Pause, denn auch er mochte grün als Kleidungsfarbe überhaupt nicht und hatte sich von einem kleinen Schock erholen müssen.
»Und keinen verdammten Euro für einen alten Mann?«
Schwankend stand John auf und schwankend ging er zu James und schwankend holte er zum Schlag aus.
Jeff war vor irgendeinem neu eröffneten Laden und hatte vor, etwas verdammt Cooles zu tun. Auf die Idee war er schon einige Tage zuvor gekommen. Und zu der Not, diese Idee auszuführen, war er schon einige Monate zuvor gekommen.
Vor fünf Monaten war Jeff zwar nicht sonderlich cool gewesen, aber uncool auch nicht. So war er auf die Party gegangen, auf der auch das Mädchen Mit Dem Neuen Top gewesen war. Jeff hatte verdammt viel Alkohol getrunken, denn auch wenn ihm Bier, Wodka, Spiritus nicht geschmeckten, hatten sie ihn doch durchaus cooler aussehen lassen, als er war. Doch in dieser Nacht war er durch Bier, Wodka, Spiritus besonders uncool geworden, denn er hatte sich auf das neue Top des Mädchens Mit Dem Neuen Top übergeben. Seit dem war er sehr uncool und hatte immer in der großen Pause in der Loserecke stehen müssen, wo unter anderem auch die Verrückten Nerds waren, die das Gerücht in die Welt gesetzt hatten, er sei in Jedikleidung zu Star Wars Episode III gegangen – zwei mal!
Und vor fünf Tagen hatte ein Klassenkamerad sehr preiswert Handys verkauft. Das konnte er tun, weil er diese geklaut hatte. Und das hatte den Jungen noch cooler gemacht und so war Jeff auf seine Idee gekommen.
Und nun befand er sich vor irgendeinem neu eröffneten Laden und hatte vor, etwas verdammt Cooles zu tun. Das neue Handy mit der supermegahypersexyhochauflösenden Handykamera und die Wasserpistole, die mit viel Fantasie wie eine Schusswaffe aussah, bei sich, sah er sich durch das Schaufenster im Laden um und konnte außer der Kassiererin keinen entdecken. Und diese Kassiererin war sicherlich unerfahren, denn sie war jung und der Laden war neu eröffnet. Er setzte sich die Spider-Man-Maske – er hat sie von einem der Verrückten Nerds bekommen, weil sie ihn für einen von ihnen gehalten hatten – auf und stürmte den Laden.
Jacqueline riss sofort die Hände hoch. Vor ihr stand ein echter Krimineller mit einer echten Schusswaffe und sie hatte nur den Alarmknopf, und der würde ihr ja sicher auch nicht weiterhelfen, weshalb sie ihn nicht drückte.
Sie wiederholte leise das, was ihr Chef ihr am ersten Tag gesagt hatte (»Drück den Alarmknopf, halte den Verbrecher hin und lass ihn unter keinen Umständen an die Kasse!«), während sie den jungen Mann ohne Zeit zu verschwenden (zum Beispiel damit, den Alarmknopf zu drücken oder ihn hinzuhalten) an die Kasse ließ.
Nachdem Jeff alles hastig in einen Sack verstaut und sich dabei gefilmt hatte, rannte er aus dem Laden und stolperte noch eben mal über die Türschwelle und drückte versehentlich ab und ein schwacher Wasserstrahl machte den Bürgersteig schwach nass.
Jacqueline war unglaublich schockiert, als sie sah, dass sie sich hatte reinlegen lassen und nahm die Verfolgung auf – nachdem sie die Hände runtergenommen und die Kasse zugemacht und den Alarmknopf noch immer nicht gedrückt hatte.
Die Kassiererin war langsam. Der Vorsprung von Jeff wurde immer größer und er wäre auch entkommen, hätte er nicht nach hinten geguckt, weil er das Gefühl genießen wollte, die Verfolgende abzuhängen.
Denn als John zuschlug, traf er nicht James, weil dieser auswich, sondern Jeff, der zu schnell in den Schlag hineinlief, um selbst von einem Nüchternen rechtzeitig nicht geschlagen zu werden.
Jeff fiel hin und der Sack rutschte ihm aus der Hand und drei Münzen fanden ihren Weg in die Freiheit, bis sie in die Gefangenschaft Johns gelangten, da sie nach unglaublichen akrobatischen Sprüngen auf dem Bürgersteig in der Schüssel landeten.
John erkannte das Klimpern sofort und verlor alle Aggression und setzte sich zu seiner Schüssel und zählte glücklich das Geld.
James und Jenny waren sehr verwundert. Da lag ein Jugendlicher in einer Spider-Man-Maske, da saß der Penner mit drei Münzen in der Hand und da kam eine Frau angelaufen, die Jenny irgendwie bekannt vorkam.
Als Jacqueline ankam, war Jeff schon verschwunden, aber sie interessierte sich auch viel eher für den Sack. So beugte sie sich, um diesen zu greifen und erklärte dem verwunderten Paar »Gehört mir« und wurde weder von dem Geldzählenden noch von den Wundernden abgehalten und ging wieder von dannen.
Irgendwann gingen auch Jenny und James.
John zählte fünf Euro.
Der Tag endete für alle wunderbar.
James hatte zwar einen Kunden verloren, doch seine Ehefrau würde er in nächster Zeit nicht verlieren, denn heute hatte er ihr Rosen, Geld und indirekt ein Kleid gegeben.
Jenny hatte ein neues Kleid und grün stand ihr wunderbar. Das hatten zumindest ihr Mann und die Kassiererin, die sie schon zum dritten Mal gesehen hatte, gesagt und das würden in Zukunft auch noch viele zu ihr sagen.
Jeff hatte zwar nicht mehr das Geld, jedoch noch das Video, das er auch schon dem Mädchen Mit Dem Damals Neuen Top gezeigt hatte. Sie stand auf Badboys und war nun seine Freundin.
Jacqueline hatte von einer netten Kundin für ein Dreihundert-Euro-Kleid einen Fünfhundert-Euro-Schein bekommen und kein Wechselgeld ausgeben sollen.
John hatte sich von den fünf Euro heruntergesetztes Bier und ein Supermarktlotterielos kaufen können. Er hatte gewonnen und sich ein Schwert gekauft.